Was ist Weirdcore?


Nur einmal habe ich, als wir noch im selben Haus lebten, mit Ernie Poodle über Literatur gesprochen. Er trank allein Bier in einem nahen Lokal namens Tuffstein, ich kam rein und setzte mich ungebeten zu ihm. Da erfuhr ich, dass er Übersetzer war. Ich erzählte ihm, dass ich Journalist war.

Wir sprachen über Literatur. Ich fand, dass man für ein großes Publikum schreiben muss, Genre-Literatur also, Krimis und unterhaltsame Sachbücher, die man liest, weil man Lust dazu hat, und nicht, weil man als gebildet erscheinen will. A là „Ich finde Finnegans Wake viel interessanter als Ulyssees, wenn ich ehrlich bin.“ Das hasse ich.

Er war anderer Meinung. Gute Literatur, sagte er, verstehen die wenigsten.

„Das zeugt aber von tiefer Verachtung für den normalen Leser“, sagte ich.

„Ich scheiße auf den normalen Leser“, sagte er. „Normale Leute sind Scheiße.“

Ich war leicht schockiert — nicht über diese Einstellung, denn viele Menschen teilen diese Einstellung, sondern über die Wut, mit der er seine Verachtung zum Ausdruck brachte.

„Wie ich dich so einschätze“, sagte ich, „gehörst du auch nicht gerade zur hochgebildeten Elite, die es sich leisten kann, auf den Durchschnittsmensch herabzublicken. Oder hältst du dich wirklich für den neuen James Joyce?“

Da sagte er mit noch mehr Wut: „Dieses ganze anspruchsvolle Literaturgehabe ist auch Scheiße, und James Joyce ist die größte Scheiße überhaupt.“

Wer ihn sah, hätte es nicht gedacht, aber Ernie Poodle war ein Mensch mit Wut im Bauch.

Ernie Poodle war weder James Joyce noch Stephen King. Aber auch er schrieb irgendwie vertrackt. Was Sprache und Handlung angeht, kommen Ernies Geschichten normal daher, sind leicht zu lesen, und doch passen sie so gar nicht in irgendeine Schublade. Manche beispielsweise fangen lustig an und enden alles andere als lustig. Oder sie muten an wie eine Parodie, sind es aber nicht. Manche Geschichten protzen mit einer Art anti-anspruchsvoller Haltung: Sie tun so, als ob sie eine einfache, unterhaltsame Genre-Geschichte sein wollen, unterlaufen dann aber die Erwartungen des Genres.

Als ich nach seinem Tod anfing, seine Schriften zu redigieren (weil er nie vorhatte, sie zu veröffentlichen, sind viele unfertig; in manchen Fällen gibt es konkurrierende Versionen, und einige bestehen zum Teil aus Fragmenten), war ich unsicher, ob es sich überhaupt lohnen würde. Ich mochte seine Geschichten, aber ich verstand sie nicht.

Also zeigte ich einige der Kurzgeschichten ein paar Freunden. Ihre Reaktion war interessant:

Einige konnten gar nichts damit anfangen: „Die sind einfach zu merkwürdig.“

Andere benutzten ebenfalls das Wort „weird“ („merkwürdig“), fügten aber hinzu:

„Seitdem sehe ich immer wieder diesen Typ vor mir, im Krankenbett, wie er sich die Muskeln aus seinen Beinen zieht.“ („Darlene“)

Ein anderer sagte: „Der Mann, der auf den Anruf wartet, das war traurig, aber ich weiß nicht, warum.“ („Der Anruf “)

Noch einer meinte: „Ich muss immer wieder an diese Geschichte über den Opa mit den Alien-Enkeln denken, die seine Finger abkauen. Ich musste an meinen Vater denken, und ich frage mich, ob wir Kinder für ihn auch so gewesen sind.“ („Mein Sohn ist ein Alien“)

Ernies Geschichten sind nicht für Jedermann, aber genug Leser waren so berührt davon, dass ich dachte: „Doch, doch, diese Geschichten sollten veröffentlicht werden.“

Ich glaube, zwei Dinge waren Ernie Poodle wichtig. Erstens, dass er irgendwie „anders“ schreibt — wie kein anderer Autor. Egal, ob besser oder schlechter — Hauptsache: anders. Zweitens, dass einen die Geschichten irgendwie anhaltend beschäftigen. Selbst dann, wenn man sie nicht versteht.

Was ist das also für Literatur? Die einzige Beschreibung, die von allen Lesern kam, war: „It’s just weird — es ist einfach merkwürdig.“

Also nennen wir es auch so: Weirdcore.

- Eric T. Hansen

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